Aus viel Schnee die Besten: Die OKS Schulausstellung 2011

Ab sofort zeigt die Schulausstellung 2011 in den Räumen der Ostkreuzschule studentische Arbeiten aus dem vergangenen Jahr. Thomas Ludwig und Frauke Schnoor waren beim Aufbau der Ausstellung dabei und haben bei Werner Mahler nachgefragt, was es denn so zu sehen gibt.

edit: In diesem Jahr zeigt die Schulausstellung mehr als 90 studentische Arbeiten. Ist darunter ein Motiv oder eine Serie, die dich besonders überrascht hat?

WM: Mir haben zwei Serien besonders gefallen. Die eine kannte ich bereits, da sie aus einer Arbeit in der Basisklasse entstanden ist, die ich unterrichtet habe: Es ist eine Serie von Daniel Augschoell über einen einsamen Bauern in Bayern – eine richtig tolle Arbeit. Das Thema, diese Einsiedler, hat man schon tausendfach gesehen, aber Daniel hat es mit sehr viel Gefühl und einer phantastischen technischen Umsetzung bearbeitet.

Und dann eine Serie von Yvonne Philipp aus der Fachklasse, die ich noch nicht kannte. Sie ist auf den ersten Blick unkonventionell fotografiert und ein bisschen trashig. Aber für mich persönlich kam sehr viel rüber und ich hatte das Gefühl, das trifft den Lebensstil der jungen Leute, die Art, wie sie ihre Umwelt registrieren: wie sie sich bewegen, wie sie sich anziehen, wo sie sich herumtreiben nachts. Mich persönlich interessiert sowas brennend.

edit: Welche Bilder gezeigt werden, entscheidet eine Jury aus Dozenten und Studenten gemeinsam. Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?

WM: Die Studenten konnten sich mit einer Serie von maximal sieben Bildern und drei Einzelbildern oder mit fünf Einzelbildern für die Ausstellung bewerben. Die Jury bestand in diesem Jahr aus drei Dozenten und drei Studenten. Wir versuchen immer möglichst alles im Raum auszulegen, was nicht immer klappt, weil wir den Platz nicht haben. Dann fangen wir an und fragen zunächst, welche Bilder wir nicht sehen wollen. Ein Bild wird dann hoch gehoben und wenn von sieben Juroren – normalerweise sind wir sieben – zwei sagen, dieses Bild möchte ich behalten, dann bleibt es zunächst undiskutiert dabei, sonst wird es aussortiert. Nach dieser der Negativrunde machen wir eine Positivrunde. Jetzt kann jeder sagen: „Ich bin umbedingt für dieses Bild“. Wenn von sieben fünf die Hand heben, dann bleibt es drin. Wenn nur drei oder vier die Hand heben, müssen wir diskutieren und wie in jeder Jury, muss man sich dann Mehrheiten schaffen, indem man argumentiert.

edit: Hast du den Eindruck, dass die Studenten-Juroren in diesem Prozess anders entscheiden als die Dozenten?

WM: Die Studenten sind erstaunlich straight, das war auch im vergangenen Jahr schon so. Sie sagen sehr deutlich ihre Meinung und da wir als Dozenten nicht mehr Stimmen haben als sie und unsere Stimmen auch nicht stärker gewichtet werden, brauchten sie in diesem Jahr nur einen Dozenten zu überzeugen, um ihre Meinung durchzusetzen – und die war oft ziemlich hart. Das ist aber auch eine Sache, die ich gut finde: man merkt, dass sie einen Anspruch an Fotografie haben. Ob sie es selbst können, ist eine ganz andere Frage, aber sie wissen, ob etwas eine gute Arbeit ist oder nicht.

edit: Gezeigt wird ein Jahr aus der Sicht der Fotoschüler. Gibt es so etwas wie ein Thema, von dem man sagen kann, dass in diesem Jahr vordergründig ist?

WM: Mir ist aufgefallen, dass die meisten Studenten sich in diesem Jahr mehr mit ihrer äußeren Umwelt beschäftigt haben, als mit ihrer inneren. Was ich sehr positiv finde. Ich habe überhaupt nichts gegen innere Beschauung, also zu fragen, „Wie geht es meinem Bauch? Wie geht es meinem Gefühl?“ – das ist ja auch eine entscheidende Triebfeder für jede kreative Tätigkeit.
Aber wenn es nur auf dieser Ebene bleibt und diese Ebene nicht allgemeingütig wird, dann wird es schnell langweilig. Ich beschreibe das immer als den „zweiten Blick“: Auf den ersten Blick sehe ich zum Beispiel ein altes Sofa mit Spitzendeckchen, im Hintergrund alte Fotografien an der Wand und ich weiß, die Oma ist gestorben – aber wenn ich das Bild dann nicht mindestens zwei Sekunden länger betrachte, weil mich irgendetwas interessiert, mich irritiert, dann ist das Bild uninteressant. Was gezeigt wird, muss zumindest für einen Teil derer, die es sich ansehen, etwas Neues, etwas „noch nicht gesehenes“ haben – der Gegenstand und eine gute Komposition alleine reichen nicht. Das meine ich mit äußerer Umwelt.
Und dann gab es in diesem Jahr ganz viele Winterlandschaften – ich war wirklich erstaunt, wie viele Landschaften im Winter fotografiert wurden. Ich weiß nicht, ob das einfach damit zu tun hatte, dass der Winter so endlos lang war, oder ob es diese winterliche Melancholie und Traurigkeit war, die den Studenten zugesagt hat.


Die Ausstellung ist ab sofort bis Anfang Juli in den Räumen des Ostkreuzschule zu sehen.

Gezeigt werden Fotografien u.a. von:

Anna Thiele, Antony Sojka, Jakob Waak, Martina Erdmann, Jennifer Bulla, Eric Pawlitzkym Paula Faraco, Jessica Frischen, Eric Meier, Thomas Lobenwein, Karsten Klaußner, Charlotte Menin, Lea Fabrikant, Svetlana Bugrova, Isabel Kiesewetter, Tjefa Wegener, Romy Kaa, Stephane Lelarge, Daniel Seiffert, Thomas Ablard, Carolin Weinkopf, Tassilo Rüster, Kevin Mertens, Sven Gatter, Timo Wulff, Jana Slaby, Kaja Smith, Angie Dehio, Sarah Milena Walzer, Stefanie Schulz, Britta Pichler, Elena Capra, Sarah Steffen, Birte Kaufmann, Stephanie Steinkopf, Andreas Krufczik, Johanna Ulmschneider, Anna Dudas, Severin Wohlleben, Jost Schocke, Yvonne Philipp, Chiara Dazi, Mark Alker

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